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Wölfe in Brandenburg und im Barnim – was kommt da auf uns zu?

Foto: Wolf / pixabay.com
Foto: Wolf / pixabay.com

Carina Vogel, Bahnhofstraße 56, 16359 Biesenthal 11.05.2016

Der Wolf – ein alter Heimkehrer

Der Wolf (Canis lupus, Linné) zählt zu jenen Tierarten, die aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer herausragenden Rolle im Ökosystem seit vielen Jahrtausenden in der Lage sind, unterschiedlichste Lebensräume zu besiedeln. So war auch Mitteleuropa schon immer die Heimat des Wolfs – Wölfe spielen in den Tier- und Pflanzenlebensgemeinschaften unserer Region eine wichtige Rolle als Beutegreifer, die sich von wildlebenden Pflanzenfressern wie Elch, Reh, Dam- und Rotwild sowie Wildschweinen (jagdlich gesprochen: Schalenwild), Hasen, Bibern und kleineren Fleischfressern wie Fuchs, Dachs und Mardern ernähren.
Probleme mit dem Menschen treten und traten dort auf, wo Wölfe auch die Nutztiere des Menschen als Beute nutzen, weshalb in früheren Zeiten Wölfe u.U. existenzbedrohend für den Menschen wirkten.

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Wölfe früher in Brandenburg – Rückkehr in die alte Heimat

Bereits seit dem Hochmittelalter wurde den Wölfen mit den unterschiedlichsten Methoden nachgestellt, doch erst mit dem konzentrierten Einsatz von Schusswaffen, Gift, Töten der Welpen und oftmals großangelegten, aufwändigen Treibjagden konnte der Wolf im 19. Jahrhundert in ganz Deutschland verdrängt und schließlich ausgerottet werden. Zur gleichen Zeit waren auch Reh und Hirsch, Wildschwein und viele andere Jagdwildarten in Deutschland durch menschlichen Einfluss so gut wie verschwunden. An die Erlegung des jeweils letzten Exemplars erinnern noch heute vielerorts sog. „Wolfssteine“, „Wolfsdenkmale“ oder auch Flurbezeichnungen, die auf das ehemalige Vorkommen von Wölfen bzw. Wolfsfanganlagen hinweisen. So gibt es einen solchen „Wolfsstein“ auch bei Prötzel, wo am 23.01.1823 im Blumenthalwald der letzte Wolf erlegt wurde.
Die meisten der „letzten“ Wölfe waren aber bereits keine hier sesshaften, Rudel bildenden Exemplare mehr, sondern Zuwanderer aus dem Osten: in Polen und dem Baltikum war der Wolf nie oder nur kurzzeitig verschwunden, und junge Wolfsrüden auf der Suche nach einem neuen Territorium wandern oft mehrere hundert Kilometer weit ab.
So kam es, dass auch nach den „letzten“ Wölfen in Deutschland (1904 im sächsischen Tzschelln) gerade in Ostdeutschland immer wieder einzelne Wölfe gesichtet – und nach geltendem DDR-Recht – ab 1945 auch erlegt wurden. Rund 50 Wölfe, fast ausschließlich Rüden, beendeten so zwischen 1945 und 1990 ihr Leben, bevor sie noch weiter nach Westen wandern konnten. Allein im Mai 1991 wurden innerhalb weniger Tage fünf Wölfe in Brandenburg irrtümlich erlegt, drei davon in Nordostbrandenburg: ein Tier wurde bei Groß Schönebeck erlegt, eines am alten Autobahndreieck Schwanebeck tödlich verletzt und ein dritter Wolf wurde im Naturpark Märkische Schweiz erlegt. Interessanter weise wurde bereits zwei Jahre später, im August 1993, wiederum ein Wolf auf dem Autobahndreieck Schwanebeck angefahren und getötet.
Obwohl der Wolf seit 1990 nach dem Bundesnaturschutzgesetz vollständigen Schutz genießt, kam es in den Folgejahren immer wieder zu irrtümlichen jagdlichen Abschüssen, so auch im Juli 1994 bei Gandenitz, UM.

Situation in Nordostbrandenburg

Ob die Anfang der 1990er Jahre erlegten bzw. überfahrenen Wölfe in unserer Region geblieben wären und hier ein Rudel gegründet hätten, oder ob sie weiter gezogen wären, lässt sich nicht beantworten. In der Tat gab es bisher noch keine feste Ansiedlung eines einzelnen Wolfes bzw. keine Rudelbildung, obwohl die Region ausreichend Rückzugsräume und natürliche Nahrung in Form von Schalenwild für Wölfe bietet. Die Wiederbesiedlung Deutschlands durch aus Westpolen zuwandernde Einzelwölfe führte ab dem Ende des 20. Jahrhunderts zu den ersten Rudeln in Sachsen, ab 2007 auch in Südbrandenburg (Lausitz).
In Nordostbrandenburg lassen sich immer wieder einzelne Exemplare über mehrere Wochen bis wenige Monate nachweisen – wobei es i.d.R. nicht möglich ist, einzelne Wölfe voneinander zu unterscheiden. Daher können auch mehrere Einzeltiere gleichzeitig unterwegs sein und entsprechend gesichtet werden.
Dass es oft aber gar nicht auffällt, wenn ein einzelner Wolf in der Region anwesend ist, zeigte sich zu Ostern 2014. Am Ostersonntag wurde auf der A11 bei Chorin ein Wolfsrüde überfahren, dessen Anwesenheit zuvor nicht bekannt war.
Spektakulärer war da schon das Auftreten eines jungen Wolfsrüden im Spätherbst 2014 bei Angermünde: dieser griff einen freilaufenden Jagdhund am Wohnhaus an und verletzte ihn schwer. Dieser Wolf war bereits in den Wochen zuvor im Umfeld des einzelliegenden Wohnhauses beobachtet worden und konnte bis in den Winter hinein nachgewiesen werden. Woher er kam, ist genauso unbekannt wie wohin er ab Jahresanfang 2015 verschwand.
Im Raum OHV hält sich seit etlichen Jahren ein einzelner Wolf auf, der bis heute keine Partnerin gefunden hat. Auf das Konto dieses einzelnen Wolfes gehen auch mehrere Übergriffe auf Nutztiere in der genannten Region.

Was bedeutet die Rückkehr des Wolfs für die Weidetierhaltung?

Foto: Sheep / pixabay.com
Foto: Sheep / pixabay.com

Wölfe ernähren sich von Fleisch, d.h. von anderen Tieren, die sie jagen und töten. Sie können dabei nicht zwischen „erlaubten“ Beutetieren (Schalenwild) und „verbotenen“ Beutetieren (Nutztiere) unterscheiden. Sofern es für sie leicht ist, an kleine Weidetiere wie Schafe oder Ziegen zu gelangen, versuchen sie es. Daher ist es wichtig, Schafe und Ziegen durch entsprechende Zäune nicht nur vor dem Ausbrechen von der Weide, sondern auch vor dem Zugriff durch den Wolf bzw. wildernder Hunde zu schützen
Mit den heutigen modernen Elektroweidezäunen ist das gut möglich: Da Wölfe – aufgrund des Verletzungsrisikos durch einen Sprung über ein unbekanntes Hindernis – wie alle Wildtiere nur sehr
ungern springen, sondern einen Zaun eher durch Untergraben überwinden, ist ein 90 – 120 cm hoher Elektrozaun bereits ausreichend. Bei diesen Zäunen fließt bei Berührung ein starker Stromimpuls durch den Wolfskörper, was diesen abschreckt. Sofern die Zäune korrekt aufgestellt sind und mit ausreichend Spannung versorgt sind, erhält ein grabender Wolf einen unangenehmen Stromschlag und lernt sehr schnell, den Zaun (und die dahinter befindlichen Nutztiere) zu meiden.
Werden Weidetiere hinter nicht-elektrifizierten Zäunen wie Knotengitter- oder Maschendrahtzaun gehalten, so muss dieser höher sein (mind. 140 cm) und vor allem gegen Untergraben gesichert sein – entweder 50 cm im Boden eingelassen oder wiederum mit einer außen liegenden bodennahen Stromlitze.
Mit Hilfe dieser Zäune lassen sich nicht nur Schafe und Ziegen, sondern auch Gatterwild (Zaunhöhe mind. 180 cm), Lamas und Alpakas und andere Tiere wolfssicher unterbringen.
Größere Weidetiere wie Rinder und Pferde sind i.d.R. durch Wölfe nicht gefährdet, da sie wehrhaft sind. Dies gilt jedoch nicht für neugeborene Kälber und Fohlen. Diese sind am besten geschützt, wenn sie im Herdenverband mit den Mutter- und Alttieren zusammen stehen. Zusätzlichen Schutz bietet das nächtliche Aufstallen bzw. das Abkalben in einer durch einen 100 cm hohen, wolfsdichten Elektrozaun (5 Stromlitzen, Knotengitter) geschützten Abkalbekoppel.
Obwohl Nutztiere, v.a. Schafe immer wieder durch Wolfsübergriffe getötet werden, ist dies ein eher seltenes Ereignis: weniger als 1 % der Nahrung unserer Wölfe wird durch Nutztiere gebildet. Meist trifft es Tiere, die nur unzureichend geschützt waren. Das Tüdern (Anbinden) von Einzelschafen bzw. –ziegen stellt eine solche, heutzutage nicht mehr angebrachte Haltungsform dar.
In Brandenburg können Tierhalter, sofern sie mindestens 20 Nutztiere der Arten Schaf, Ziege, Gatterwild, Lama oder Alpaka halten, eine Förderung erhalten, um ihre Tiere wolfssicher einzuzäunen. Sind die Tiere wolfssicher eingezäunt und kommt es dennoch zu einem Wolfsübergriff, erhält der Tierhalter einen Schadensausgleich.

Jagd und Wolf – verträgt sich das?

Foto: perch / pixabay.com
Foto: perch / pixabay.com

Wölfe jagen effektiv, d.h. mit möglichst geringem Aufwand und geringstem Verletzungsrisiko. Daher besteht die Nahrung des Wolfs bei uns in Deutschland zu über 95 % aus den hier reichlich vorkommenden Schalenwildarten, wobei das überall vorhandene Rehwild mehr als die Hälfte ausmacht. Rehe sind für einen Wolf leicht zu erbeuten, daher werden hier alle Altersklassen und beide Geschlechter erbeutet. Beim größeren Damwild und erst Recht beim Rotwild sieht das schon anders aus: hier erbeuten die Wölfe v.a. Jungtiere und alte bzw. aufgrund von Krankheiten oder Verletzungen geschwächte ältere Tiere. Ein gesunder, fitter Rothirsch fällt dem Wolf nur selten zur Beute. Auch Wildschweine sind – sofern es sich um erwachsene Tiere handelt – für Wölfe ernstzunehmende Gegner. Wölfe halten sich daher beim Schwarzwild eher an die zu bestimmten Jahreszeiten reichlich vorhandenen Frischlinge und Überläufer.
Hasen, Kaninchen und Kleinnager wie Mäuse stellen nur Gelegenheitsbeute dar; in Sachsen gibt es allerdings auch ein Wolfsrudel, das gelernt hat, Biber als Nahrung zu nutzen. Vögel werden nur äußerst selten erbeutet.
Dass der Wolf für die Abnahme der Wildbestände – so sie denn festgestellt werden – verantwortlich ist, hat sich bisher nicht bestätigt. Je nach Region nutzt der Wolf ein unterschiedliches Beutespektrum, wobei auch Lerneffekte (leicht erbeutbares Muffelwild, ungeschützte Weidetiere) zum Tragen kommen. Ebenso wie der Wolf stellt sich auch das (Schalen)Wild auf die neue Situation ein: Rehwild wird u.U. heimlicher, aber nicht weniger; Rotwild weicht dem einzelnen Wolf kurzfristig aus, lässt sich aber nicht von seinen traditionellen Einständen verdrängen. Für den menschlichen Jäger wird die Jagd dadurch im Einzelfall aufwendiger, aber womöglich auch spannender: jetzt besetzt nicht mehr der Mensch allein die Spitzenposition in der Nahrungskette, sondern teilt sich diesen Platz mit einem hochkompetenten „Mitjäger“, der dieses Metier seit Jahrtausenden beherrscht und – wenn wir es genau nehmen – ein wichtiger evolutionärer Faktor in der Herausbildung unserer heutigen Wildarten war und immer noch ist. Ohne Wolf, Bär und Luchs wären Reh und Hirsch nicht zu den faszinierenden Geschöpfen geworden, als die sie uns heute (auch als Jagdwild) entgegentreten.
Bei etwas Rücksichtnahme aufeinander – in Hinblick auf die Abschusspläne der einzelnen Schalenwildarten – bleibt für den Fleischjäger Wolf, der v.a. die jungen, alten und kranken Tiere erbeutet, und den Trophäenjäger Mensch, der u.a. auf die starken Stücke abgesehen hat, genug zu jagen.

Wolf und Mensch

Wölfe sind nicht auf Wildnis angewiesen, sondern siedeln sich dort an, wo sie Nahrung in Form von Wildtieren finden und ungestört ihre Jungen aufziehen können. Dies kann, muss aber nicht ein „naturbelassenes“ Gebiet sein. Zum Lebensraum der Wölfe in Europa gehören großflächige Feld- und Ackerlandschaften (in Spanien, Italien, Deutschland, Polen), Gebirge (in Frankreich, Schweiz) und vor allem durch den Menschen geschaffene „sekundäre Wildnis“ wie Truppenübungsplätze und Bergbaufolgelandschaften (in Deutschland). Bei uns beträgt die Fläche eines Rudelstreifgebietes im Durchschnitt 250 km2 (200 – 350 km2), das entspricht 25.000 ha (der Landkreis Barnim ist rd. 1.500 km2 groß). Auf dieser Fläche jagt nur eine Wolfsfamilie (Wolfspaar mit diesjährigen und dem Rest der letztjährigen Welpen) und verteidigt sie auch gegen durchwandernde fremde Wölfe.
Wölfe scheuen sich nicht, Siedlungen in ihr Streifgebiet einzubeziehen (analog: Fuchs, Wildschwein), weichen aber einer direkten Begegnung mit dem Menschen nach Möglichkeit aus. Nur wenn einzelne Wölfe durch Anfüttern o.ä. ihre natürliche Vorsicht und Scheu gegenüber dem Menschen verlieren, kann es zu direkten, unangenehmen und gefährlichen Kontakten kommen. Bisher sind in Deutschland Wölfe noch nie aggressiv gegenüber Menschen aufgetreten, doch muss eine Gewöhnung durch Futter unbedingt vermieden werden.
Ihrem Verhalten nach zu urteilen kann man Wölfe fast schon als Kulturfolger bezeichnen; sie nutzen die vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft genauso erfolgreich wie eine reine Naturlandschaft. Allerdings schafft die Nähe zum Menschen auch Probleme, die sich jedoch bewältigen lassen:
Nutztiere lassen sich mit Zäunen und – wo dies gewünscht und sinnvoll ist – den Einsatz von Herdenschutzhunden gut schützen; konkrete und irrationales Ängste, den Wolf betreffend, lassen sich durch Aufklärung, Wissen und Kenntniszuwachs begegnen. Letztendlich ist der Wolf ein einheimisches Wildtier wie viele andere auch: er kann uns lästig fallen, er kann Probleme verursachen, er hat aber das gleiche Existenzrecht wie alle anderen auch, und manchmal kann er uns auch nützen: er trägt weit besser als wir zur Gesunderhaltung der natürlichen Lebensgemeinschaften bei, er lehrt uns, was Faszination und Ehrfurcht gegenüber der wilden Kreatur heißt, und letztendlich zeigt sich an unserem Umgang mit dem Wolf auch, ob wir – als Kulturnation – in der Lage sind, auch unbequemen Mitgeschöpfen ein Lebensrecht einzuräumen und uns mit ihnen zu arrangieren.