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„Entwicklung einer Nach-Corona-Struktur wird einer meiner ersten Schwerpunkte“

Foto: Landkreis Barnim

Bernd Christoph Skudelny ist neuer Geschäftsführer der Barnimer Wirtschafts- und Tourismusentwicklungsgesellschaft mbH

25. Mai 2021

Die WITO Barnim hat einen neuen Geschäftsführer. Nachdem der Aufsichtsrat in seiner Sitzung vom 12. Mai der Neubesetzung offiziell zugestimmt hat, übernimmt Bernd Christoph Skudelny (59) mit Wirkung zum 1. Juli dieses Jahres offiziell die Geschäfte der kreiseigenen Wirtschafts- und Tourismusentwicklungsgesellschaft. Was den im hessischen Marburg geborenen Nordrheinwestfalen in den Barnim führt und welche Ziele er sich für seine neue Aufgabe gesetzt hat, erklärt er im Interview.


Herr Skudelny, können Sie uns ein wenig über Ihren privaten und beruflichen Hintergrund berichten?

Skudelny: Nun, ich bin seit bald 28 Jahren glücklich verheiratet und habe drei erwachsene Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Unser Nesthäkchen ist Balou, unser fast neun Jahre alter Bernhardinerrüde.

Nach meinem Abschluss als Diplompolitologe mit Schwerpunkt Wirtschaftspolitik und europäische Integration absolvierte ich zunächst noch ein Rechts- und Verwaltungswissenschaftliches Aufbaustudium. Im Anschluss daran konnte ich vertiefende praktische Erfahrungen beim Landesgewerbeamt Baden-Württemberg mit fachlicher Zuständigkeit für länderübergreifende Existenzgründung und -sicherung sammeln.

Bei der Mercedes-Benz AG in Wörth am Rhein ergab sich für mich im Anschluss die Möglichkeit, ein Postgraduiertenpraktikum zu absolvieren. Vor allem über die dort gesammelten praktischen Erfahrungen erkannte ich, dass mir die Arbeit an der Schnittstelle von Wirtschaft und Verwaltung Spaß machte.

Weitere Etappen schlossen sich an, die mir neue Arbeitsgebiete erschlossen, zum Beispiel als Wissenschaftlicher Angestellter beim Senator für Häfen, überregionalen Verkehr und Außenhandel in der Hansestadt Bremen mit Auslandseinsätzen in China und Indien sowie in der EU.

1999 wurde ich schließlich Leiter der kommunalen Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung der Stadt Zwickau sowie 2008 Vorstandsvorsitzender der „IAW - Industrie- und Automobilregion Westsachsen e.V.". 2011 wechselte ich von Sachsen nach Sachsen-Anhalt und wurde Leiter der Wirtschafts- und Tourismusförderung sowie Regionalentwicklung beim Landkreis Harz und übernahm im weiteren Verlauf dann die Leitung der Regionalentwicklung und -planung. Dabei stand im Mittelpunkt meiner Arbeit immer, eine belastbare Wirtschafts- und Sozialstruktur sicherzustellen, um vor allem den Menschen eine klare und verlässliche Perspektive zu geben.

Was hat Sie an der neuen beruflichen Aufgabe bei der WITO Barnim besonders gereizt?

Skudelny: Die lokalen Gegebenheiten des Landkreises Barnim inmitten der Metropolregion Berlin-Brandenburg und erst recht zum Nachbarland Polen haben einen ganz besonderen Reiz ausgemacht. Während meiner Zeit als Zwickauer Wirtschaftsförderer hatte ich das Mandat, die Stadt in der Metropolregion Mitteldeutschland zu vertreten und angemessen zu positionieren. Um EU-Fördergelder überhaupt erfolgreich im Wirtschaftssegment akquirieren zu können, bedurfte es grenzübergreifender Kooperationspartner, die ich über entsprechende Projektkonzepte dann beispielsweise in Tschechien, Serbien und Rumänien hinzugewinnen konnte. Im Hinblick auf Polen sehe ich sehr vielversprechende Anknüpfungspunkte – etwa im Bereich der Nachhaltigkeit, der E-Mobilität beziehungsweise der europäischen Wasserstoffstrategie. Unter anderem der Ausstieg aus der Kohle hat gezeigt, dass Konzepte, die an der Landesgrenze halt machen, für sich genommen kaum erfolgreich zur Bewältigung der erforderlichen Transformationsprozesse beitragen können.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre neue Position gesetzt?

Skudelny: Eines habe ich ja gerade skizziert, nämlich die Identifizierung, Anbahnung und Implementierung grenzübergreifender Kooperationen, flankiert von erfolgreicher Erschließung Landes-, Bundes- und eben auch EU-weiter Fördermöglichkeiten. Das Ziel muss es dabei sein, in der Fläche langfristig belastbare und vor allem konkurrenzfähige Strukturen und Angebote zu schaffen. Die aktive Mitgestaltung und Optimierung von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die Vernetzung zwischen Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Verwaltung wird ein Hauptanliegen meiner Arbeit sein.

Wirtschafts- und Tourismusförderung ist zugleich auch ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge und trägt aktiv zur Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen bei. Daraus leitet sich einer meiner ersten Schwerpunkte ab: 

Eine „Nach-Corona-Struktur" zu entwickeln und den Unternehmen nach Corona entsprechende Unterstützungsleistungen an die Hand zu geben und gemeinsam entsprechende Plattformen zu stabilisieren oder auch neu aufzubauen, die es ihnen ermöglichen, schnellstmöglich ihr Geschäft wieder erfolgreich am Markt zu positionieren und weiterzuentwickeln. Dabei werden die Digitalisierung, also das Thema Wirtschaft 4.0, aber auch Arbeit 4.0 einen immer wichtigeren Stellenwert einnehmen. Analoge Produkte und digitale Formate werden den wirtschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Wandel beschleunigen. Für mich als Geschäftsführer der WITO Barnim sind die Vernetzung von digitalen Plattformen und Technologien sowie die neuen Beziehungen zwischen Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden sowie Kooperationspartnerinnen und -partnern, die beispielsweise über neue Kommunikationstools zusammenarbeiten, ein wichtiges Arbeitsfeld. Hinzu kommt der Tourismus der hier, wie im Harz, eine herausragende Stellung einnimmt.

Als neuer Geschäftsführer der WITO Barnim kann ich nicht zaubern – das konnte ich schon bei meinen Kindern nicht überzeugend. Ich muss das Rad allerdings auch nicht neu erfinden. Zum Handwerkszeug gehören ja nicht ohne Grund die Bestandsanalyse, die proaktive Kontaktanbahnung wie auch -pflege zu Kooperationspartnerinnen und -partnern bei den Wirtschafts- und Sozialverbänden, den Verantwortlichen im Finanzsektor oder für Bildungs- und Ausbildungsfragen sowie zu den KMU und der Tourismusbranche. In der Tourismusförderung wird eine Herausforderung darin bestehen, dass diese Destination ein unabhängiges Dienstleistungsunternehmen ist und eigenständig am Markt agiert. Es müssen aber die gemeinsamen Ressourcen als eine Marke koordiniert und kooperativ weiterentwickelt werden. Es gibt damit Aufgaben, die innerhalb des Tourismus-Netzwerkes den Charakter öffentlicher Güter haben und auch kooperativ gesteuert und finanziert werden müssen.

Vor allem bedarf es aber zunächst einmal der Kenntnis und Berücksichtigung der Zielvorstellungen des Kreistages als zuvorderst für die Kreisentwicklung maßgeblichem Gremium.

Wo sehen Sie die größten Entwicklungspotenziale in der Barnimer Wirtschafts- und Tourismuslandschaft?

Skudelny: Das größte Potenzial sehe ich zunächst in der Ausgestaltung des ländlichen Teilraums innerhalb der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg - insbesondere in den Bereichen Metall, Ernährung, Energie und Nachhaltigkeit. Aber auch sanfter Tourismus, Gesundheitswirtschaft und E-Mobilität sind Ansatzpunkte mit immensen Potenzialen, die nach Corona (re)aktiviert werden müssen. Nicht zu unterschätzen sind die überwiegend mittelständischen „Hidden Champions" in der Region, die sich ebenfalls in einem rapide verändernden Marktumfeld bewegen und ebenso wie der Bäckermeister vor Ort vor großen Herausforderungen stehen. Es gilt für mich, diese Veränderungen zu begleiten und den Unternehmen, aber auch Vereinen und Einzelpersonen Hilfestellungen anzubieten, um ihre Geschäftsmodelle an den Markt anpassen sowie innovative Geschäftsideen etablieren zu können.

Dabei müssen wir die Stärken und Entwicklungspotenziale des Wirtschaftsstandorts Barnim auch überregional bekannter machen. Dabei will ich nicht nur die Vorteile der Gewerbe- und Industriegebiete für Neuansiedlungen hervorheben, sondern auch „kluge Köpfe" in der Region einbinden sowie neue gewinnen. Ich will den wirtschaftlich Handelnden dabei helfen, wissenschaftliche Erkenntnisse schneller für die Betriebe nutzbar zu machen, um die Marktchancen ihrer Unternehmen und damit die Wirtschaftsstruktur der Region nachhaltig zu stärken. Also: Neue Kooperationen – abseits jeden Kirchturmdenkens – innerhalb des Landkreises aufbauen und etablieren.

Sie sind ursprünglich im hessischen Marburg geboren, haben später an verschiedenen Orten des Landes gelebt und gearbeitet, zuletzt in Mitteldeutschland. Nun führt es Sie in den Barnim. Wie ist der erste Eindruck?

Skudelny: Naja, richtig betrachtet habe ich die bislang längste Zeit meines Lebens zusammen mit meiner Frau und unseren Kindern ganz bewusst und gerne in Mitteldeutschland verbracht! Hier im Barnim hat mich die über weite Strecken noch weitgehend unberührte, intakte Natur völlig überrascht. Wir leben seit 2011 am nordöstlichen Harzvorland und beobachten dort nun schon seit Jahren die Veränderungen im Waldbestand aufgrund von wiederholten Dürreperioden und dem Befall durch den Borkenkäfer. Der Landkreis Barnim hat zugleich die Chance wie auch die Verpflichtung, mit diesem Naturschatz achtsam umzugehen und dabei nicht Gefahr zu laufen, Wirtschaftsinteressen gegen den Naturschutz auszuspielen. Das ist eine große Verantwortung und Herausforderung, die mir sehr bewusst ist und als Vater von drei jungen Erwachsenen nochmal ganz besonders am Herzen liegt!

Robert Bachmann
Pressesprecher

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